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Stillstand (ab 1933)

Zufluchtsort und Nachkriegswirren

Beim zweiten Wahlgang zur Reichspräsidentenwahl, am 10. April 1932, sprachen sich entgegen des allgemeinen Trends 75 Prozent der Inselbewohner gegen Adolf Hitler aus.
Schon ein Jahr später, zu den Reichstagswahlen, änderte sich jedoch die Stimmung. Die Propaganda der Nationalsozialisten fand hier einen ungefestigten, fast politfreien Boden vor und nutzte diesen Umstand für sich.

Steilküsten

Der 1997 verstorbene Heimatforscher Kurt Dittmann wertete Gästebücher dreier Pensionen in Kloster aus. Darunter befanden sich circa fünfzig hochrangige Wissenschaftler, mehr als zweihundert Maler, Bildhauer und Architekten und jeweils hundertfünfzig Schriftsteller, Musiker, Komponisten und Schauspieler. Drei Achtel dieser Gäste mußten Deutschland ab 1933 verlassen, wurden ermordet oder begingen Selbstmord. Trotzdem galt Hiddensee auch als Refugium, beispielsweise für den Maler Willy Jaeckel (1888-1944) oder den Schriftsteller Hans Fallada (1893-1947).

1933 wurde der 1. Mai auf Hiddensee erstmals als Feiertag der nationalen Arbeit begangen. Die Fahnen der neuen Machthaber hißte man nun auf der ganzen Insel.
Die Inselbevölkerung nahm am politischen Geschehen Anteil. Sie ließ sich teilweise auch beeinflussen, manchmal falsch. Jedoch gab es zwischen dem Weltgeschehen und der Insel schon immer Wasser, und die Insel besaß schon immer ihre eigenen Gesetze, unabhängig von jeder Politik. Sie galten stets und für jeden.

Am 1. April 1939 wurden die Gemeinden Kloster, Vitte und Neuendorf verwaltungsmäßig zur Gemeinde Hiddensee zusammengeschlossen. Sowjetische Truppen besetzten am 4. Mai 1945 kampflos die Insel. Der Krieg war zu Ende. Die 1946 durch die Rote Armee gesprengten Reste einer 1938 gebauten Betonbunkeranlage am Enddorn waren noch bis zum Herbst 2002 zu sehen. Jetzt ist alles abgetragen und Sanddornbüsche wachsen darauf.

Im Zuge der Bodenreform 1945 wurden die landwirtschaftlichen Nutzflächen des früheren Gutshofes in Kloster unter achtzehn Neubauern, Umsiedlern und früheren Landarbeitern aufgeteilt.
Die Zeit der großen Lebensmittelknappheit ging an vielen nicht spurlos vorüber. So war zum Beispiel auch die Hiddensee-Malerin Elisabeth Büchsel (1867-1957) betroffen. Da der geschwächte Körper keine Widerstandskraft mehr aufbieten konnte, wurde sie bettlägerig. Nach einem elenden Jahr hatte sich die Büchsel jedoch wieder erholt und veranstaltete zu ihrem achtzigsten Geburtstag 1947 ein großes Fest. Sie tauschte ihre Bilder für Kuchen, Eingemachtes, Holz oder Kohlen ein und genoß ihren Lebensabend so gut es eben ging.

Nach 1945 entdeckten viele Künstler die Insel Hiddensee wieder neu für sich. Vor allem aus dem Exil kommende Schriftsteller wie Anna Seghers (1900-1983) oder Willi Bredel (1901-1964), Ludwig Turek (1898-1975) oder Jan Koplowitz (1910-2001) besuchten die Insel. Andere Exilanten waren zum Beispiel der Sprachwissenschaftler Wolfgang Steinitz (1905-1967) oder der Sänger Ernst Busch (1900-1980), die Sommerhäuser auf der Insel erwarben oder erbauen ließen.

Gret Palucca (1902-1993), die Meisterin des Ausdruckstanzes, verlebte seit 1948 ihre Sommer auf Hiddensee. Sommerresidenzen entstanden auch für den Intendanten der Komischen Oper und Opernregisseur Walter Felsenstein (1901-1975) und die Schauspielerin Inge Keller (*1923).

Der Illustrator und Zeichner Werner Klemke (1917-1994) erwarb in den fünfziger Jahren das "Muthesius-Haus" und sorgte dort für regen künstlerischen Austausch. Der Schriftsteller Benno Pludra (*1925) siedelte sich in Vitte an und spielte mit dem Inselmotiv in seinen Kinderbüchern. Mit seinem LÜTT MATTEN UND DIE WEISSE MUSCHEL verhalf er Hiddensee zu weiterer Popularität. Bis heute wird die Verfilmung im Zeltkino gezeigt.