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Sperrgebiet (ab 1961)

Eine Nische für Andersdenkende

Die umzäunte DDR barg an der Ostseeküste ein Kleinod namens Hiddensee. Dem allsommerlichen Ruf nach einer Urlaubsreise ans Meer folgten viele DDR-Reisende. Neben den häufig besuchten Urlaubsorten von Wismar bis Usedom gibt es da noch die einzige bewohnte Insel ohne eine Brückenverbindung zum Festland: die Insel Hiddensee.
Die wenigen Urlauber, die die Insel besuchten, waren durch den FDGB (der DDR-Einheitsgewerkschaft) organisiert oder bekamen individuell ein Bett in den spärlich gesäten Privatquartieren.

FDGB-Haus

Pferdekutschen und Fahrräder waren und sind die hiesigen Transportmittel für Personen und Güter. Nur gelegentlich hörte man den Gelände-Trabanten des Inselarztes oder die Schwalbe des Abschnittsbevollmächtigten im Zweitakt vorbeirattern.
Die Unterkünfte, spartanisch eingerichtet, waren meist nur mit Waschbecken im Zimmer ausgestattet, selten gab es eine Dusche auf dem Gang. Den Weg zum Meer säumten jedoch Sanddornbüsche, Heidelandschaft oder Strandhafer.

Diese Romantik der Einfachheit war wohl auch der Grund für einige Künstler zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts, die abgeschiedene Insel als Feriendomizil aufzusuchen, während sich in den Ostseebädern auf Rügen und Usedom schon eine Art Massentourismus abzuzeichnen begann.

Die kleine Ostsee-Insel wurde wegen ihrer Nähe zu Dänemark zum Grenzgebiet erklärt. Trotzdem galt sie als Nische für Andersdenkende, die sich dort in den Sommermonaten mit Saisonarbeit über Wasser hielten, aber durch die Kleinheit Hiddensees auch gut zu überwachen waren. Hiddensee entwickelte sich mehr und mehr zu einem Rückzugsgebiet vor ideologischer Bevormundung. Die seit jeher politischem Engagement skeptisch gegenüberstehende Inselbevölkerung korrespondierte in den meisten Situationen mit der Haltung Andersdenkender.

Prominente Künstler der DDR ließen sich genauso von der Abgeschiedenheit anziehen, wie viele Berühmtheiten vor ihnen. Gret Palucca (1902-1993), die Dresdner Tanzpädagogin, lebte und arbeitete Teile des Jahres auf Hiddensee. Die Insel wurde Refugium für bedeutende Künstler, Kulturschaffende und Wissenschaftler der DDR, was solche Namen wie der des Intendanten Walter Felsenstein (1901-1975), des Sängers Ernst Busch (1900-1980), des Schriftstellers Stefan Heym (1913-2001), des Opernregisseurs Harry Kupfer (*1935), der Schauspielerin Inge Keller (*1923) oder des Wissenschaftlers Robert Rompe (1905-1993) belegen.

Einige Verehrer Alexander Ettenburgs (1858-1919) errichteten am 25. April 1986 bei Kloster einen Gedenkstein, um an den vielseitigen Mimen zu erinnern. Der Stein stand von April 1986 bis Mitte 1989 und verschwand dann im Nirgendwo.
Mit seiner genauen Beobachtungsgabe erfaßte der Hiddenseegast Hans Cibulka (*1920) das Wesen der Insel und verankerte es in seiner Poesie. In seinem Buch SANDDORNZEIT und seinen OSTSEETAGEBÜCHERN drückt er seine tiefe Verbundenheit zur Insellandschaft aus.
Die Sängerin und Schauspielerin Nina Hagen (*1955) verewigte, kurz vor ihrem Weggang nach Westberlin, in ihrem DDR-Erfolgssong DU HAST DEN FARBFILM VERGESSEN das Sehnsuchtsmotiv nach der ungewöhnlichen Insel.

Der Maler Torsten Schlüter entdeckte Hiddensee 1983 für sich. 1986 stieg er endgültig aus der Architektur aus und konzentrierte sich fortan auf die Malerei. Es entstanden die Portraits der "Gejagten" und der "Ausgestoßenen", der "Hexen" und der "Ketzer". Im Herbst 1989 beteiligte er sich an der Mauermalerei am Potsdamer Platz. Hiddensee als Fluchtpunkt und Inspirationsquelle wurde zur zweiten Heimat Schlüters. Er pendelte regelmäßig zwischen Weimar, Berlin und Hiddensee. So wie ihm erging es vielen Andersdenkenden.

Die ostdeutschen Künstler belebten die Insel Hiddensee auf ihre Weise und es entstand eine andere Art von Künstlerkolonie, die das Nischendasein unterstützte. Einige wenige Institutionen der Insel avancierten zu wichtigen Kommunikations- und Veranstaltungsorten.

Besondere Bedeutung ist hier der Kirchengemeinde in Kloster unter den Pastoren Arnold Gustavs (bis 1956), Walter Arnold (nach 1957), Gerhard Rosenow (seit den siebziger Jahren) und Manfred Domrös (seit 1986) zuzuschreiben. Alle pflegten die durch Arnold Gustavs begründete Tradition intellektueller Gesellschaften. Manfred Domrös, aus der Berliner Friedensinitiative der evangelisch-lutherischen Kirche stammend, organisiert bis heute regelmäßige Veranstaltungen mit regimekritischen Intellektuellen wie Volker Braun (*1939), Bettina Wegner (*1947) und vielen anderen.

Gerhart Hauptmann (1862-1946) erwarb 1930 ein Haus auf Hiddensee, das bis heute eine kulturelle Begegnungsstätte mit musikalischen Darbietungen und Dichterlesungen ist. In dieser Hauptmannschen Dichtergedenkstätte offerierten "Deutsche Theater Mimen" Berlins Bewährtes aus dem klassischen Repertoire.

Beispielsweise las Dieter Mann (*1941) Klaus Mann, Inge Keller las Thomas Mann, ihre Tochter Barbara von Schnitzler trug die Briefe der Marie Thienemann-Hauptmann vor und der ehemalige Dramaturg Armin Stolper (*1934) formulierte Liebeserklärungen an Gerhart Hauptmann. Damit nicht genug. Die Schauspieler Kurt Böwe (1929-2000) und Daniel Morgenroth (*1964) versuchten sich wiederholt und erfolgreich an Theodor Fontane- und Erich Mühsam-Abenden.