Pressespiegel
Die kleine Freiheit
Berliner Zeitung, 25./26. September 2010
Joachim Wille
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Von Wismar nach Hiddensee
23. März 2010
Eine 30 Minuten lange Reise-Reportage mit Marion Magas
DDR-Geschichten auf Hiddensee
28.04.2010
Anke M. Schmidt
Schon zu DDR-Zeiten war das Eiland ein begehrter Urlaubsort. Aber vor allem war es Magnet für namhafte Künstler und für Lebenskünstler, die "Aussteiger". Hiddensee war in der DDR der Ort, an dem sich die unglaublichsten Lebensgeschichten kreuzten.
In ihrem Buch HIDDENSEE - VERSTECKTE INSEL IM VERSCHWUNDENEN LAND versammelt die Herausgeberin und Autorin Marion Magas etliche dieser Lebensgeschichten. In Portraits stellt sie Künstler und Lebenskünstler vor. Und sie lässt die Menschen selbst zu Wort kommen. Diese Erinnerungen von Inselliebhabern ergeben zusammen mit dem Fotomaterial, zum Teil aus privaten Archiven, ein ganz neues Bild von Hiddensee.
Einige der Episoden erzählen ganze Familiengeschichten, die mit dem "Söten Länneken" verknüpft sind. Es gibt Liebeserklärungen an die einmalige Landschaft. Manchmal an deren Bewohner. Das Spektrum reicht weit. Da sind spannende Erinnerungen aus den 50igern bis in die späten 80iger Jahre. Man kann von einer Hippie-Bewegung auf Hiddensee lesen oder die DDR-Filmgeschichte mal aus einem anderen Blickwinkel betrachten. NICHT NUR LÜTT MATTEN UND DIE WEIßE MUSCHEL wurde auf der Insel gedreht, eine Folge der traditionsreichen Serie POLIZEIRUF spielt auf Hiddensee. Bildgeschichten rahmen einen Zeitbogen ein: der 1. Mai auf der Insel wurde auf vielerlei Arten begangen: demonstrierend oder im Neptungewand am Strand. Manch gebrochene Biographie wurde literarisch verarbeitet, so etwa in Christoph Heins TANGOSPIELER oder Günter Kunerts AM RANDE DER WELT: EINE INSEL.
Die vielen Geschichten von Barfußtanzen im "Dornbusch", von Übernachten in Ställen, von FDGB-Urlaub, von Freundschaften, von Unbeschwertheit ebenso wie von Inselverweisen, von Verlust und von trotzdem weiterleben, machen dieses Buch zu einem einmaligen Zeugnis einer noch jungen Vergangenheit.
HIDDENSEE - VERSTECKTE INSEL IM VERSCHWUNDENEN LAND ist die veränderte und erweiterte Auflage des 2006 erschienenen und seit 2008 vergriffenen Bandes. Der Unterschied zur ersten Auflage: Bis auf wenige Grafiken ist das Bildmaterial vollständig ausgetauscht und erweitert worden. Momente des 1. Mai 1976 und des Katastrophenwinters 1978/1979 werden als Bildgeschichten gezeigt. Sieben neue Geschichten sind zu lesen. Zu bestellen über rund ums wort/ Marion Magas: 0160/ 328 74 84 oder mmagas@snafu.de
Hippies auf Hiddensee
Frankfurter Rundschau, Montag, 17.05. 2010
Auf die kleine Freiheit
Sie waren Gegner des DDR-Regimes oder einfach nur Lebenskünstler. Auf Hiddensee wagten sie eine Republikflucht auf Zeit - selbst die Stasi ließ sie gewähren. Geschichte einer Insel und der auf ihr Gestrandeten.
Von Joachim Wille
„Der Weg wurde sandig, als sie von der Hauptstraße, an der Bäckerei Kasten vorbei, in Richtung Norden abbogen. Urlauber kamen ihnen entgegen, gebräunt und aus der Zeit gefallen.
Frauen in wallenden Batikkleidern, viel Holzschmuck, Armreifen aus farbigen Lederriemchen, Sandalen mit Glasperlenschnüren; pfeifenrauchende Männer mit Künstlermähnen und Jesus-Look, seltener kurzgeschorenem Haar und Proletarierjoppen à la Brecht.“ Uwe Tellkamp über das Hiddensee der 80er Jahre in seinem Roman „Der Turm“
Links rollt die Ostsee, nagt am feinen Sandstrand. Rechts die Dünen, hinter denen Vitte liegt, der Hauptort der Ostseeinsel Hiddensee. Marion Magas schiebt ihr Fahrrad auf dem asphaltierten Strandweg entlang. Es ist ihre normale Tour, auf der sie die Besucher mitnimmt. Die 41-Jährige erzählt den Feriengästen über die DDR-Zeit hier. Sie zeigt aufs Meer. „Patrouillenboote fuhren immer die Küste ab“, sagt sie, „und Luftmatratzen waren nicht erlaubt – im Wasser.“
Das reicht. Ein Urlauber, der auf einer Bank sitzt, hat den letzten Satz halb aufgeschnappt. Er regt sich auf. Ruft aus: „Stimmt doch gar nicht!“ Der Mann, so um die 60 Jahre alt, echauffiert sich weiter, steht auf, und ruft im Weggehen, immer noch empört,ein paar Sätze über die Schulter. „Waren Sie denn damals überhaupt in der DDR?“
Luftmatratzen
habe es hier am Strand durchaus gegeben. Und überhaupt. Immer
die Leute, die alles schlechtmachen, was damals war. Diskutieren
will er darüber nicht. Abgang im Zorn.
Marion Magas,
blond, zierlich, aber zäh, eine Insulanerin eben, kennt diese
Ausraster. Ab und zu kommt so was auch heute noch vor. Von wegen:
War ja nicht alles schlecht damals.
Und stimmt ja auch:
Luftmatratzen gab es schon, sagt Magas. Aber die Vorschrift war: Man
durfte sie nur am Strand benutzen, nicht als Schwimmhilfe im Wasser.
Die DDR-Gewaltigen fürchteten, Urlauber könnten von hier
aus über die Ostsee paddeln, Republikflucht begehen.
Die
dänische Insel Mön liegt nur 50 Kilometer entfernt, bei
klarer Sicht kann man sie sehen, vom Hochland im Norden der Insel
aus und natürlich von dem berühmten Leuchtturm aus. Das
war der Grund für das Verbot.
Was Mann, Einstein und Freud gemeinsam haben
Marion
Magas ist die Inselchronistin. Hiddensee, ein langgestrecktes Eiland
westlich von Rügen, gilt als „Capri des Nordens“,
heißt „Dat söte Länneken“, zu
Hochdeutsch: Das süße Ländchen, und ist berühmt,
seit eine illustre Reihe von Künstlern und anderen
Berühmtheiten in den 1920er Jahren und später hier Urlaub
machten und so den Ruf der Insel begründeten.
Magas hat
die Namen parat wie keine andere. Joachim Ringelnatz, Albert
Einstein und Billy Wilder, Sigmund Freud und Asta Nielsen, auch
Gerhart Hauptmann und Thomas Mann. Sie alle tankten Sommer auf der
Insel, fernab vom wilden Leben der „Goldenen Zwanziger“,
hier, wo der Mensch heute wie damals die Langsamkeit
entdeckt.
Geschichte und Geschichten verbindet Magas. Etwa:
Wie Gerhart Hauptmann, der auf Hiddensee sein Ferienhaus hatte, nach
einem Besuch Manns in dessen „Zauberberg“-Roman dann in
den skurrilen Minheer Pepperkorn mutierte. Wo Einstein wohnte und
geigte.
Wie der besoffene Ringelnatz sich in der kalten
Ostsee Inspiration holte. Doch die 40 Jahre, in denen Hiddensee
DDR-sozialistisch war, findet sie mindestens genauso interessant,
genauso schillernd, genauso wichtig. Sie seien es auf jeden Fall
wert, nicht dem Vergessen anheimzufallen, meint sie. Zu Recht.
Die
umzäunte DDR, so hat es Magas in ihrem jüngst
veröffentlichten Inselbuch beschrieben, hütete mit
Hiddensee ein eigenartiges "Prachtstück" in der
wilden Ostsee-Natur – gleichzeitig als Teil des Grenzgebiets
streng überwacht, aber auch Nische für Andersdenkende,
Aussteiger, Lebenskünstler.
Flucht mit Hindernissen
Das
Hiddensee der 70er und 80er Jahre sei fast "exterritorial",
zumindest freier als der Rest der Republik gewesen, ein geduldetes,
wenngleich überwachtes "Rückzugsgebiet vor
ideologischer Bevormundung", schreibt die Chronistin.
Echten
Massentourismus, wie er sich auf Rügen und Usedom auch zu
DDR-Zeiten bereits entwickelte, gab es auf dem kaum erschlossenen
Hiddensee nicht – genauso wenig wie heute. Pferdekutschen,
Fahrräder und Handwagen waren die einzigen Transportmittel.
Auch daran hat sich nichts geändert.
Die Unterkünfte
waren meist spartanisch eingerichtet, allenfalls mit Waschbecken
ausgestattet, selten gab es eine Dusche auf dem Gang. Das ist nun
anders, doch es gibt kaum Bausünden und keine
Schickimicki-Kultur à la Sylt. Der „Porschefaktor“
ist, wie der Modemacher und Hiddensee-Fan Wolfgang Joop formulierte,
noch immer „gleich null“. Leute, die diese „Romantik
der Einfachheit“, wie Marion Magas es nennt, anzog und
anzieht, waren und sind ohnehin von einer besonderen Sorte.
Zu
DDR-Zeiten waren Urlaube auf der kleinen Insel noch begehrter als
heute. Ferien an der Ostsee – das sei für viele
DDR-Bürger ja ohnehin die „Flucht aus einem engen,
überwachten Alltag“ gewesen.
Der Bestseller-Autor Uwe
Tellkamp, auch ein Fan der Insel, beschreibt das anhand einer
fiktiven Hiddensee-Fahrt seiner Dresdner Protagonisten Christian und
Judith in dem Roman „Der Turm“.
Allerdings war
es auch in der Realität eine Flucht mit Hindernissen. Auf
Hiddensee dominierte die organisierte, zugeteilte Sommerfrische in
Unterkünften, die von Gewerkschaften oder Betrieben organisiert
wurde. Viel seltener, aber durchaus möglich waren
„Individualreisen“. Wer verwandtschaftliche oder
sonstige Verbindungen hatte, konnte auch in Privatunterkünften
unterkommen.
Avantgardistisches Völkchen
Auf
Hiddensee sammelte sich so ein irgendwie aus der Zeit gefallenes,
avantgardistisches Völkchen. Arrivierte Künstler waren
darunter. Und subversive. Zur ersten Kategorie gehörten die
Schauspieler Manfred Krug und Kurt Böwe oder die Schriftsteller
Günter Kunert und Christoph Hein. Die Sängerin und
Schauspielerin Nina Hagen allerdings, die Hiddensee in ihrem Song
„Du hast den Farbfilm vergessen“ verewigte, war nie
hier; das Lied hatte ihr Keyboarder Michael Heubach geschrieben.
Die DDR-Punkband „Feeling B“ aus Berlin, sie
gehörte zur zweiten Kategorie, trat im Sommer des Öfteren
auf der Insel auf. Ihr Leadsänger Aljoscha Rompe kannte
Hiddensee gut, weil sein Stiefvater, der bekannte Kernphysiker
Robert Rompe – er war in der Sowjetunion am Bau der Atombombe
beteiligt gewesen – hier ein Ferienhaus besaß.
Feeling
B (Titel: „ Langeweile“, „Gipfel“, „Dufte“)
veranstaltete legendäre Konzerte am Strand des Hiddensee-Ortes
Kloster, auf dessen Friedhof der DDR-Staatsdichter Gerhart Hauptmann
beerdigt ist. Das Schlagzeug und die anderen Instrumente schafften
Rompe und Co. mit Handwagen über die – auch heute noch
unbefestigten, sandigen – Ortsstraßen heran, der Strom
für die E-Gitarre kam aus einer Autobatterie.
Magas
erinnert sich gut an die Zeit. Sie war 1975, im Alter von sechs
Jahren, auf die Insel gekommen; ihre Mutter hatte dort in Vitte eine
Stelle als Lehrerin angetreten. Ihre Freunde fand sie in den 80er
Jahren meist unter den Aushilfskräften, die die Saisonbetriebe,
die Heime, Hotels und Restaurants, brauchten, zum Beispiel Kellner,
Bufettiers, Wirtschaftshelfer, Rettungsschwimmer. Es waren oft
Aussteiger, die mit dem System kollidiert waren, verhinderte, da
nicht zugelassene Studenten, auch Künstler und Naturschützer.
In den Lebensläufen der Saisonarbeiter fanden sich
nicht selten Disziplinarmaßnahmen, abgebrochene Karrieren –
„einmal sogar der Weg vom Universitätsprofessor zum
Tellerwäscher“, sagt Magas. Ein intensives
intellektuelles Klima sei es damals gewesen, erzählt die
Chronistin – sozusagen im blinden Fleck der Stasi,
wahrscheinlich aber von ihr bewusst geduldet.
Für den
DDR-Überwachungsstaat war es wohl ein kalkulierbares Risiko,
„subversive Elemente“ auf einer Insel unter Kontrolle zu
haben und ihnen gewisse Freiheiten zu gewähren. Das nahm etwas
Druck aus dem Kessel.
Die
Geschichte von Lutz Hofmann steht für viele Lebensgeschichten
von damals. In der Autostadt Zwickau wächst er auf, macht die
Schule, will Elektriker werden – alles läuft nach Plan.
Genau das ist es, was ihn irgendwann einengt, woraus er ausbrechen
will. Ein Regimegegner ist er nicht, aber er nimmt sozusagen Urlaub
vom Arbeiter- und Bauernstaat. Zwei Jahre lang arbeitet er auf
Hiddensee, als Hausmeister, als Kellner. Danach steht für ihn
fest: Er will zum Theater. Heute ist er in Zwickau Bühnenbildner
– und noch immer mit Marion Magas gut befreundet.
Auch
sie arbeitete als Aushilfe in Gaststätten. „Unsere
Freizeit verbrachten wir beim Holzfeuer, beim Picknick am Strand,
bei Wanderungen durch das Dornbusch-Gelände am Leuchtturm“,
erinnert sie sich. Meist war bulgarischer Rotwein dabei, Marke
„Stierblut“. Oder eine Flasche Korn. „Und oft gab
es Gespräche über Literatur. Denn es wurde viel gelesen
und über Bücher geredet“, sagt sie, „in dieser
abgeschotteten kleinen Welt.“
Magas selbst hatte in
Berlin studieren wollen, es wurde ihr untersagt – wegen
„politischer Unzuverlässigkeit“. Erst nach der
Wende konnte sie an die Universität. Danach ging sie zurück
nach Hiddensee.
Einer, der schon in den 70er Jahren als
Sommer-Aushilfe auf die Insel kam und dort hängen blieb, ist
Magas alter Freund Hans-Georg Romanowski, Spitzname „Gurke“.
Und Gurke hat es geschafft, den spezifischen Hiddensee-Geist dieser
Zeit in die Gegenwart zu retten, äußerlich auf jeden
Fall, aber nicht nur. Romanowski, inzwischen langjährige
Tresen-Fachkraft in der großen Vitter Gaststätte
"Godewind", nun selber ein Insel-Original, trägt die
Haare immer noch lang wie damals, nun grau statt mittelblond, und
unter der Weste die bunten hippienostalgischen Hemden.
Eigentlich
wollte Romanowski, der aus Thüringen stammt, in den Westen
abhauen. Dann hörte er von Hiddensee. Zu DDR-Zeiten habe die
Insel ihren ganz besonderen Reiz gehabt. „Wer hierher kam,
wollte nicht dazugehören, nicht zum Staat, nicht zur Mehrheit,
nicht zum Mief des Durchschnitts“, gab er für Magas’
Hiddensee-Buch zu Protokoll. Das passte für ihn. Hiddensee sei
ein Ort gewesen „für das Recht auf diese Faulheit“.
Inzwischen, über 20 Jahre nach der Wende, gebe es nur
noch wenige, die dieses Recht für sich reklamierten, sagt der
redselige Tresen-Philosoph. Er erinnert sich an 1989, ein Treffen
mit anderen Hiddenseern in einer Bar. „Leute, so gemütlich
wie in dieser Stunde werden wir nicht mehr zusammensitzen“,
habe er gesagt, „ab jetzt werden wir hasten und rennen.“
Und: „So ist es gekommen.“
Über die alten
DDR-Hiddensee-Zeiten werde heute bei ihm am Godewind-Tresen gar
nicht mehr so oft gesprochen, erzählt Romanowski. „Und
wenn, dann meist ganz spät in der Nacht.“ Wenn der harte
Kern übrig geblieben ist. Danach, nach der
Kneipen-Nachtschicht, fährt Romanowski mit seinem Fahrrad die
vier Kilometer rüber nach Kloster, wo er wohnt. Es sei dann
„toll, die Insel erwachen zu sehen“. Die Füchse,
die Rehe, die Vogelrufe. Nebelschwaden über den Wiesen. „Und
meist noch kein einziger Mensch.“
DIE MALWEIBER VON HIDDENSEE
Dumont Reiseführer Rügen / Hiddensee, März 2010
Fast vergessen sind sie, die 16 Frauen vom "Hiddenseer Künstlerinnenbund", den Henni Lehmann und Clara Arnheim 1922 in Vitte gründeten.
Mit einem Rucksack voller Farben, einer Staffelei und einem Block gingen sie in die Natur. Ein Plätzchen mit einem schönen Blick wurde ausgespäht, ein kleiner Hocker unter einem Sonnenschirm positioniert und der Pinsel oder der Kohlestift gezückt - und gemalt und gezeichnet, was vor die Staffelei kam. Motive gab es viele, wie die weite Küstenlandschaft, das Meer, die Dünen oder die kleinen Fischerkaten. Damals saßen Clara Arnheim, Elisabeth Büchsel, Henni Lehmann und Julie Wolfthorn im luftigen Outfit in der Natur. Das Mieder hatten sie zuhause gelassen, war es doch viel zu eng und zu warm für das Malen im Freien. Elisabeth Büchsel ging sogar in Hosen in die Natur - damals aufsehenerregend. Die Insulaner trauten ihren Augen nicht. Die Kunstwelt kannte solche Malszenen im Freien von dem Postimpressionisten und Südseefan Paul Gauguin oder von dem Impressionisten Vincent van Gogh aus dem fernen Frankreich. Doch die Hiddenseer hatten es nun nicht nur mit irgendwelchen verrückten Künstlern zu tun, sondern auch noch mit Weibern, die sich anstatt sich um Kind und Familie zu kümmern, an den Strand setzten um zu malen. Dabei musste die Ostseeinsel für die Künstlerinnen am Anfang des 20. Jahrhunderts so etwas gewesen sein, wie die Südsee für Gauguin.
Achtung, die Malweiber kommen
Das "söten Lännekens" war ein genauso begehrtes Ziel wie Ahrenshoop oder Worpswede. Landschaftsmalerei in der Natur war en vogué. Der schnelle Wechsel des Wetters, der Zug der Wolken und der Wandel von Licht und Schatten, faszinierte alle Künstler gleichermaßen. Auch die Inselbewohner und ihre Kinder eigneten sich bestens für Charakterstudien. Noch heute hängen bei manchem Insulaner die Bilder an der Wand, die die Großmutter als kleines Mädchen zeigen - gemalt von einer der Künstlerinnen, die auf Hiddensee unterwegs waren. Die "Malweiber", wie sie die Männer der Kunstkritik gern abschätzig nannten, gaben sich trotz alldem sehr selbstbewußt. Sie versuchten bereits um 1900 ihre künstlerische Weiterentwicklung voran zu treiben. Auch wenn das mitunter nicht so leicht war und oft von jeweiligem Vermögen der Familie abhing. Eine akademische Ausbildung war Frauen zudem bis 1919 verwehrt. Wer Malerin werden wollte, ging deshalb in eine private Zeichen- und Kunstschule, die oft von einem Künstler geführt wurde.
Hiddenseer Künstlerinnenbund wurde 1922 gegründet
Frauen, die nicht über das nötige Kleingeld verfügten, kam daher das Leben und Arbeiten jenseits der Großstadt, in einer ländlichen Künstlerkolonie entgegen, da der Lebensunterhalt hier nicht so teuer war. Zudem konnten Studien direkt in der Natur betrieben werden. Die allein stehende Malerin Clara Arnheim aus Berlin kam viele Sommer nach Hiddensee. Sie wohnte bei Mühlen- und Bäckermeister Schwartz in Vitte. Schräg gegenüber logierte zur gleichen Zeit die Malerin Henni Lehmann, die aus einer wohlhabenden Familie aus Berlin stammte. Beide gründeten 1922 den "Hiddenseer Künstlerinnenbund" und unternahmen so einen bewußten Schritt in die Öffentlichkeit. Ihnen schlossen sich zwölf weitere Künstlerinnen an, die seit Anfang des 19. Jahrhunderts nun schon regelmäßig zum Malen auf die Insel kamen. Mit dabei waren unter anderem auch die Stralsunderin Elisabeth Büchsel (1867-1957) und die in Thorn geborene Julie Wolf (1864-1944), die den Künstlernamen Wolfthorn annahm. Alle Frauen, die diesem "Hiddenseer Künstlerbund" angehörten, sind in der heutigen Kunstgeschichtsschreibung so gut wie gar nicht vertreten. Viele ihrer Werke sind zudem verschollen, zerstört oder befinden sich in Privatbesitz.
Kunst gegen Naturalien
Doch ein Haus ist heute auch noch ab und an geöffnet. Auch wenn es keine Werke seiner ersten Besitzerin mehr zeigt, erinnert es immer noch an sie: "Die Blaue Scheune". Sie diente Henni Lehmann als Atelier und wurde regelmäßig als Ausstellungsraum von allen Malweibern genutzt. Und damit auch keiner das Haus übersah, entschied sich die vielseitige Künstlerin dazu, der Kate einen blauen Anstrich zu geben, der bis heute immer wieder erneuert wird. Wer eine Spurensuche aus eigener Faust unternehmen will, findet nicht viel auf der Insel. Im Heimatmuseum in Kloster erinnern ein paar Biographien und Abbildungen an die Hiddenseer Malweiber. Eine von ihnen war Elisabeth Büchsel, die von 1907 bis 1952 regelmäßig im Sommer auf die Insel kam. Die kecke Büchsel, die sich gegen eine Familiengründung entschied, um ihren Weg als Künstlerin gehen zu können, lebte stets in bescheidenen Verhältnissen. Sie wohnte auf Hiddensee mit den Fischerfamilien zusammen und tauschte gerne Naturalien wie Kuchen, Eingemachtes oder Kohlen gegen Kunst, sie nannte diese Werke ihre "Brotbilder".
Die Künstlerinnen engagierten sich sozial
Als Büchsel ihr Erbe ausbezahlt bekam, entschloß sie sich dazu, einer Familie in Vitte ein Darlehen zu gewähren, damit sie ihr Haus ausbauen konnte. Als Gegenleistung verlangte sie lediglich zwanzig Jahre lang ein mietfreies Zimmer. Selbstverständlich konnte dieses während ihrer Abwesenheit auch vermietet werden. Auch die Gründerin des Künstlerinnenbundes Henni Lehmann gab ein Darlehen. Sie war schon immer sozial engagiert und hatte bereits 1913 den Insulanern Geld für den Bau eines Arzthauses geliehen. Die Malweiber hielten Hiddensee demnach nicht nur im Bilde fest oder porträtierten den Alltag, sie wurden im Laufe der Jahre auch ein wichtiger Bestandteil der Inselgemeinschaft. Doch mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde dem Treiben der Malweiber ein Ende gesetzt und der "Hiddenseer Künstlerinnen-bund" 1933 aufgelöst.
Das Buch und die Führungen "Auf den Spuren der Malweiber" von Marion Magas ist ein erster Ansatz, sich der Malweiber auf Hiddensee zu erinnern. Es bleibt zu hoffen, daß weitere Forschungsarbeiten und auch Ausstellungen folgen werden und alle Frauen des Hiddenseer Künstlerinnenbundes zumindest einen Eintrag in einschlägige Künstlerlexika erhalten.
Buchtip:
Wie sich die Malweiber die Ostseeküste eroberten: Marion Magas, 2008, 80 Seiten, 107 Abbildungen (historische Photos, Aquarelle, Graphiken) 14,95 €. Infos unter: www.hiddensee-kultur.de. Zu bestellen über: mmagas@snafu.de oder 0160/ 328 74 84
In dem Buch werden 19 Frauen, bekannt als die sogenannten Malweiber, portraitiert. Es werden Wege nach Ahrenshoop und nach Hiddensee aufgezeigt und vergessene Malweiber wieder ins Bewußtsein gerückt. Ein wichtiger Beitrag zur Frauen-Kunstgeschichts-schreibung.
Auf den Wegen der Malweiber: Di 15-17 Uhr vom 27.April- 28.Sept., 6,50 € pro Person, Treffpunkt: Vor dem Inselmuseum in Kloster. www.hiddensee-kultur.de.
Buchautorin Marion Magas führt auf den Spuren der Künstlerinnen über die Insel. Jeweils einmal die Woche findet die Führung im nördlichen Teil von Hiddensee statt. Neben der Tour auf den Spuren der Künstlerinnen bietet Marion Magas auch andere Wanderungen zu verschiedenen Themen an, darunter auch eine durch Vitte und Kloster mit Geschichten aus der DDR.
Die 15 Frauen des Hiddenseer Künstlerinnenbundes:
Henni Lehmann (1863-1937)
Clara Arnheim (1865-1942)
Elisabeth Büchsel (1867-1957)
Käthe Löwenthal (1878-1942)
Dorothea Stroschein (1883-1967)
Bertha Dörflein-Kahlke (1875-1964)
Elisabeth Andrae (1876-1945)
Helene Lottberg (1901-1986)
Elisabeth Büttner (1853-1934)
Katharina Bamberg (1873-1966)
Gertrud Körner (1866-1931)
Martel Schwichtenberg (1896-1945)
Augusta von Zitzewitz (1880-1960)
Julie Wolfthorn (1864-1944)
Marta Mischel (unbekannt)
OZ
Montag, 17. August 2009
Die weltoffene 'Insulanerin'
Artikel herunterladen (PDF, 217Kb)
Grit Schreiter
Thüringer Lokalanzeiger
Montag, 23. Juni 2008
Insel der Seligen - Haarscharf am Rande des Sozialismus
Marion Magas: HIDDENSEE - INSELGESCHICHTEN AUS EINER ANDEREN ZEIT. - Hiddensee 2008, 288 Seiten, mehr als 100 Photoerinnerungen; zu bestellen über: rund ums wort, mmagas@snafu.de, www.hiddensee-kultur.de, Preis: 19,80 Euro
Seit Fernseh-Wettermacher Kachelmann regelmäßig von der Insel windundwettert, ist Hiddensee in ganz Deutschland ein Begriff. Unter den Urlaubsorten entlang der mecklenburgischen Ostseeküste ist das "Capri des Nordens" zu einem der beliebtesten und begehrtesten Ferienziele geworden. Die Insel hat derzeit Konjunktur. Zahlreiche Publikationen erinnern an die große Zeit des "lütt Lännekens" im ersten Drittel des letzten Jahrhunderts. Damals genoß Hiddensee als Künstlerkolonie und als mondänes Ferienziel vor allem unter Berliner Dichtern, Malern und Schauspielern einen legendären Ruf.
Über allem Glanz und Gloria wurde ein Kapitel Hiddenseer Inselgeschichte fast vergessen: die stilleren fast vierzig DDR-Jahre. Die kleine Insel hoch im Norden war so weit wie kaum ein anderer Winkel des Arbeiter- und Bauernstaates vom Berliner Machtzentrum entfernt. Sie war deshalb noch keine Insel der Seligen, aber sie wurde doch zu einem Zufluchtsort, vorzugsweise für Individualisten, Nonkonformisten und Nudisten. Von dieser Zeit erzählt die Autorin Marion Magas, die seit 1975 auf der Insel lebt, in ihrem zweiten Hiddenseebuch: HIDDENSEE - INSELGESCHICHTEN AUS EINER ANDEREN ZEIT.
Sie versammelt darin bemerkenswerte, nicht selten skurrile Lebensgeschichten und Porträts von Künstlern und Lebenskünstlern, die auf der Dornbuschinsel Erholung und Ablenkung vom grauen DDR-Alltag gesucht haben. So auch ein Leipziger Professor, der einige Jahre eine Außenstelle des Parasitologischen Instituts in der Hiddenseer Heide leitete und ausgerechnet am Nacktbadestrand Prüfungen abnahm. Ein anderer ist der aus Kambodscha stammende Maler Eng Seng Thay, der auf der Insel einmal Tempeltänze des Khmer-Volkes vorführte und so auf unaufdringliche Weise an die Tragödie seines Heimatlandes erinnerte. Marion Magas hat eine lockere Feder und weiß von mancher Kuriosität zu berichten.
Verstreut in die Interviews, Berichte und Geschichten sind nicht nur eine Fülle zum größten Teil privater Fotos und Zeichnungen, sondern auch einige poetische Kostbarkeiten. Dazu gehören die hoch- und plattdeutschen Inselgedichte und die lyrischen Notate des Rostocker Schriftstellers Michael Baade, Christian Fritzes Erzählung über eine Reise nach Hiddensee just einen Tag nach dem Fall der Berliner Mauer und ein einfühlsamer Essay von Hans-Dieter Schütt über die Inseltagebücher des DDR-Schriftstellers Hanns Cibulka. Es macht Freude in diesem Hiddensee-Reader zu stöbern und sich festzulesen - für die, die damals dabei gewesen sind, aber gewiß auch für die, die sich - außerhalb der ehemaligen DDR - nur schwer eine Vorstellung davon machen können, wie es sich in der Nischen- und Inselgesellschaft des kleineren Deutschland im Windschatten der großen Worte tatsächlich gelebt hat.
Peter Schütt
